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Hydrocephalus

Ein Hydrocephalus (deutsch: Wasserkopf), auch Hydrozephalus geschrieben, ist eine pathologische Erweiterung der liquorgefüllten Flüssigkeitsräume (Ventrikel) des Gehirns auf Kosten der Hirnsubstanz.


links CT eines Hydrocephalus internus; rechts zum Vergleich ein normales Gehirn
links CT eines Hydrocephalus internus; rechts zum Vergleich ein normales Gehirn


Entstehung des Hydrocephalus 

Liquor cerebrospinalis wird in den Plexus choroidei vor allem des 1. und 2. Seitenventrikels, aber auch des 3. und 4. Ventrikels sezerniert (kein Ultrafiltrat des Blutes). Nach Durchfluss der Seitenventrikel gelangt der Liquor über den 3. und 4. Ventrikel in die Cisterna cerebellomedullaris und damit in den äußeren Liquorraum. Dort verteilt er sich im gesamten Zwischenraum und wird durch die Arachnoidalzotten im Bereich der Spinalnervenaustritte wieder in den Blutkreislauf abgegeben. Die Gesamtmenge des sich in den Liquorräumen befindlichen Liquors beläuft sich beim Erwachsenen auf ca. 150 ml. Da die Plexus choroidei pro Tag etwa 500 ml Liquor produzieren, wird diese Menge innerhalb von 24 Stunden ca. dreimal ausgetauscht.

Resorption und Produktion halten sich unter physiologischen Umständen im Gleichgewicht.

Unterbleibt die Resorption, ist die Verbindung zwischen den einzelnen Liquorräumen verschlossen oder wird zu viel Liquor produziert, kann sich ein Hydrocephalus entwickeln. Dies kann die Folge einer Hirnhautentzündung, aber auch einer angeborenen oder frühkindlichen Fehlbildung des Gehirns sein. Als sonstige Ursache kommen Einblutungen in liquorführende Hirnstrukturen (durch Verklebung der ableitenden Wege) oder auch Tumore in Betracht. Auch durch die Erhöhung des Hirndrucks selbst (beispielsweise durch eine Blutung) kommt es zu einem Resorptionswiderstand. In sehr seltenen Fällen können Plexustumore zu einer Liquorüberproduktion führen.

Von diesen Formen des Hydrocephalus abgegrenzt wird der Hydrocephalus e vacuo, dessen vergrößerte Liquorräume durch den Schwund von Hirngewebe entstehen. Hier liegt keine Störung des Liquorzirkulation vor, lediglich das Gesamtvolumen kann zum Ausgleich etwas erhöht sein.


Symptome 

Bei Föten und Säuglingen kann der Kopf wegen der noch unfesten Schädelknochen ballonartig aufgetrieben sein. Begleiterscheinungen können z. B. Kopfschmerz, Erbrechen, Doppelbilder und Epilepsie sein, auch Hirndruck- und Ausfallerscheinungen können auftreten.

Da der Schädel nach Verschluss der Knochennähte und der Fontanellen durch Größenzunahme die intrakranielle Drucksteigerung nicht ausgleichen kann, kommt es zu einer Verlagerung von Hirnanteilen in Richtung des großen Hinterhauptsloches (Foramen magnum). Da in diesem Bereich des Gehirns lebenswichtige Zentren (Herz-Kreislauf-Zentrum, Atem- und Brechzentrum) sitzen, kann es bei Einklemmungen zum Herz-Kreislauf- und Atemstillstand kommen.


Therapie

Bei erhöhtem Hirndruck wird eine frühestmögliche Entlastung durch Liquorableitung mittles einer Drainage angestrebt. Dabei wird der Liquor cerebrospinalis durch einen Shunt z. B. in die Bauchhöhle, in den rechten Vorhof des Herzens oder weniger häufig in den Pleuraspalt abgeleitet. Je nach Lage des Passagehindernisses ist auch die Ventrikulostomie eine mögliche Therapieform, bei der operativ der Boden der Seitenventrikel durchstoßen wird und so der Abfluss des Liquors in die basalen Zisternen ermöglicht wird.

Zum Teil ist bereits eine Therapie in utero, also ein vorgeburtlich stattfindender Eingriff, möglich.


Verschiedene Formen des Hydrozephalus 

Hydrocephalus internus: Erweiterung nur der Hirnventrikel

- occlusivus: Bei Behinderung des Liquorabflusses aus den Ventrikel

- malresorptivus: Bei verzögerter Liquorrückresorption

Hydrocephalus externus: Erweiterung der äußeren Liquorräume (also des Subarachnoidalraums)

Hydrocephalus externus et internus (entspricht Hydrocephalus communicans - durchgängige Verbindung von den Ventrikeln zum Subarachnoidalraum)

Hydrocephalus e vacuo: innerer und äußerer Hydrocephalus als Ausdruck eines primären Hirngewebsschwundes


Bei letztgenanntem kommt es im Gegensatz zu den anderen Formen des Hydrozephalus zu keiner Hirndrucksteigerung!


 


 


                                                                                                                  



 

Harninkontinenz


Das Wort Inkontinenz leitet sich aus der lateinischen Sprache ab, in der Continentia Zurückhalten oder Unterdrücken bedeutet. „Incontinentia“ heißt folglich das Unvermögen zu dieser Zurückhaltung. Nachfolgend wird besonders auf den unfreiwilligen Harnabgang eingegangen, die Harninkontinenz (Incontinentia urinae), die zwar kein lebensbedrohliches Krankheitsbild ist, aber aufgrund ihrer sozialen und hygienischen Probleme zunehmend gesellschaftliches Interesse findet.

 


Häufigkeit und Stärke der Inkontinenz

Inkontinenz, oder im Volksmund auch Blasenschwäche genannt, ist weiter verbreitet, als man zunächst vermuten möchte. Nicht nur in Deutschland ist Inkontinenz weit verbreitet, auch in den anderen großen Industrienationen kommt Inkontinenz sehr häufig vor. Genaue Zahlen durch statistische Auswertungen gibt es nur wenige, da viele Betroffene nicht in Statistiken erfasst sind. Die einzigen einigermaßen verlässlichen Zahlen liefern die großen Hersteller von Inkontinenzhilfsmitteln. Betrachtet man diese Zahlen und vergleicht sie mit der Altersstruktur bei uns, so ist ein klarer Trend zu erkennen. Die Zahl der von Inkontinenz betroffenen Menschen steigt demnach ständig an. Bis zum Jahr 2050 sollen nach verschiedenen Hochrechnungen sogar fast 30 Prozent der Bundesbürger von Inkontinenz betroffen sein.

Zu unterscheiden ist die Harninkontinenz von der Enuresis (dem Einnässen) bei Kleinkindern, bei denen die Sauberkeitserziehung noch nicht abgeschlossen ist. Jedoch tritt Enuresis nicht nur bei Kleinkindern, sondern auch bei Erwachsenen oder Jugendlichen auf und kann sowohl physische, als auch psychische Ursachen haben.


Häufigkeit der Inkontinenz 

Von der Inkontinenz sind weltweit nach heutiger Schätzung 50 - 200 Millionen Menschen betroffen. Allein in Deutschland sind etwa 5 bis 8 Millionen Menschen betroffen. Die Krankheit steht an vierter Stelle derjenigen Erkrankungen, die merklich die Lebensqualität einschränken [1]. Geht man von den Verkaufszahlen der Hersteller für Inkontinenzhilfsmittel aus, so dürften über 10 Millionen Menschen in Deutschland an Inkontinenz leiden. Wieso keine verlässlichen Zahlen vorliegen und die Dunkelziffer so hoch ist, darüber sind sich die Experten noch nicht ganz einig. Einer der Gründe dürfte wahrscheinlich sein, dass Inkontinenz immer noch zu sehr in unserer Gesellschaft tabuisiert wird, dass vor allem junge Menschen sich dieses Körperdefizit nicht eingestehen wollen und auch gegenüber ihrem Arzt nicht erwähnen. Erst wenn der Leidensdruck so hoch ist, dass sich die Inkontinenz nicht mehr verbergen lässt, wagen die meisten den Schritt zum Arzt. Manchmal kann es mehrere Jahre dauern, bis dieser Schritt getan wird.

Von den in Deutschland mit einer behandlungs- oder versorgungsbedürftigen Inkontinenz lebenden Menschen sind mehr als zwei Millionen älter als 60 Jahre, bei den über 80-jährigen sind es sogar nahezu 30%. Inkontinenz ist eine der häufigsten Gründe für die Einweisung in ein Pflegeheim. Grundsätzlich sind Frauen wesentlich häufiger von Inkontinenz betroffen als Männer, auch im Senioren- und Greisenalter, die Ursache dafür ist in der Vulnerabilität des weiblichen Schließmuskelsystems zu suchen.


Stärke der Inkontinenz 

Die Einteilung der Inkontinenz in Schweregrade ist im Zusammenhang mit der Versorgung der Betroffenen mit Hygieneartikeln (wie Einwegwindeln oder anderen saugenden Produkten) wichtig. Vielfach findet sich heute noch eine Einteilung der Schweregrade, die sich nach der durchschnittlichen Menge des Urinabgangs in der Stunde richtet. Problematisch an dieser Einteilung ist jedoch, dass nur ein Durchschnittswert berücksichtigt wird, der Urinabgang aber mal tröpfchenweise über einen langen Zeitraum erfolgen, oder aber auch schwallartig und plötzlich in großen Mengen eintreten kann. Deshalb ist die Gesamtsaugkapazität der verwendeten Materialien zwar wichtig, jedoch genauso eine individuelle Verbrauchsplanung im Tagesrhythmus. Der Urin muss vollständig aufgesogen und fern von der Haut sicher eingeschlossen werden. Nur so kann die Haut geschützt und die Lebensqualität der Betroffenen verbessert werden.

Häufig sind Menschen von Inkontinenz betroffen, die sich in keinem Lebensbereich mehr selbst versorgen können. Die verwendeten Hilfsmittel müssen deshalb so beschaffen sein, dass auch bei einer Vollzeitpflege durch Dritte z. B. bei einem ( ? heute üblichen ? ) 4-stündigen Versorgungsrhythmus eine vollständige Sicherheit gegeben ist.

Auch nach diesen Anforderungen ist die Harninkontinenz wie folgt in Schweregrade eingeteilt:

Einteilung Urinverlust / Ausscheidung Produktkapazität* Saugvolumen / 4 Stunden
Tröpfelinkontinenz unter 50 ml unter 150 ml 50 ml
Grad 1 50 - 100 ml 150 - 300 ml 300 ml
Grad 2 100 - 250 ml 300 - 750 ml 750 - 1000 ml
Grad 3 über 250 ml über 1000 ml über 1500 ml
* nach Testverfahren der durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen anerkannten Testinstitute HyTec/IPI

Solange die Ursache der jeweiligen Harninkontinenz nicht geklärt werden konnte, wird bei dieser Altersgruppe auch von einem Alterssyndrom gesprochen, weil mehrere gleichartige Auswirkungen aus unklarer unterschiedlicher Ursache entstehen. Zunächst ist eine symptomatische Versorgungsform angebracht. Diese kann langfristig ethisch begründet ebenfalls bevorzugt werden, wenn eine Therapie des Grundleidens nicht erfolgen soll/kann.


Einteilung der Inkontinenzarten durch die ICS

Schon im Jahre 1976 haben sich Ärzte in der ICS (International Continence Society) gemeinsam auf eine Unterteilung der Harninkontinenz in 5 Hauptgruppen geeinigt. Im Einzelnen sind das:

1. Stressinkontinenz (Belastungsinkontinenz) 1.–3. Grades
2. Dranginkontinenz (Urgeinkontinenz)
a. motorische Dranginkontinenz
b. sensorische Dranginkontinenz
3. Überlaufinkontinenz
4. Reflexinkontinenz
5. Extraurethrale Inkontinenz

Diese Einteilung bezieht sich vorrangig auf die Symptomatik, erst in den letzten Jahren wird Inkontinenz auch als eigenständige Krankheit mit möglicherweise unterschiedlichen Ursachen (bezogen auf die beteiligten Organe) angesehen. Ihre Ursachen können an/in der Blase, (selten) den harnbildenden Organen Niere, den beteiligten Nervensträngen (Reiz und Erregungsleitung) und der Reizverarbeitung im Gehirn liegen. Dementsprechend liegt bei der Harninkontinenz eigentlich jeweils eine andere Grunderkrankung vor. Oft finden sich auch Kombinationen wie zum Beispiel eine Mischung aus Drang- und Stressinkontinenz.

Mittlerweile weiß die Medizin viel über die Abläufe und Steuerung der Speicherung und Ausscheidung von Harn und Stuhl. Mit diesem Wissen lässt sich jedoch auch erkennen wie schnell die filigrane Zusammenarbeit zwischen reflektorischen und willentlich steuerbaren Abläufen aus dem Gleichgewicht geraten kann.

Eine Sonderform der Dranginkontinenz ist die Giggle-Inkontinenz (Enuresis risoria). Diese Inkontinenzform ist sehr selten und wurde bis jetzt nur bei Kindern beobachtet.



Stressinkontinenz (Belastungsinkontinenz) 

Die häufig verwendete Bezeichnung Stressinkontinenz bezieht sich auf das englische Wort Stress, das dort für Belastung – besonders körperlicher Art – steht und nicht wie im Deutschen nur einen außergewöhnlichen psychischen Druck bezeichnet. Da der Begriff leicht zu Missverständnissen führen kann, wurde er in den letzten Jahren durch den präziseren Ausdruck Belastungsinkontinenz ersetzt. Bei einer Belastungsinkontinenz löst der erhöhte Bauchinnendruck durch körperliche Belastung/Anstrengung, Pressen aus den verschiedensten Gründen wie z. B. Heben, Tragen, sich Vorbeugen, Treppensteigen, Lachen, Husten, Niesen den mehr oder weniger ausgeprägten Harnverlust aus. Es werden drei Schweregrade unterschieden:

1. Grad: Inkontinenz beim Husten, Niesen, Lachen
2. Grad: Inkontinenz bei abrupten Körperbewegungen, beim Aufstehen, Hinsetzen
3. Grad: Inkontinenz bei unangestrengten Bewegungen, im Liegen

Die Stressinkontinenz ist bei Frauen oft Folge mehrfacher Spontangeburten, die zu einer Überdehnung und Erschlaffung von Haltebändern und Beckenboden führen. Daraus resultiert eine Senkung (Descensus) der Organe des kleinen Beckens. So kann bei erhöhtem Bauchinnendruck dieser Druck nicht mehr als Verschlussdruck die Harnröhre erreichen, wohl aber noch in voller Stärke die Harnblase. Beim Mann dagegen ist diese Form der Inkontinenz meist Folge einer traumatischen Schädigung des äußeren Blasenschließmuskels durch Operationen oder Unfälle.


Diagnostik

Die allgemeine Anamnese der Belastungsinkontinenz beginnt im allgemeinen mit dem Befragen des Patienten, um schon einmal grobe Anhaltspunkte zu bekommen. Auf die Fragen des Arztes sollte der Patient so genau wie möglich Antworten. Das erspart ihm unter Umständen lästige und unangenehme Untersuchungen. Für eine genaue Diagnostik der Belastungsinkontinenz empfiehlt sich die folgende Vorgehensweise, um aussagefähige Ergebnisse zu bekommen:

Unbedingt notwendige Untersuchungen:
  • Anamnese
  • körperliche Untersuchung, besonders der Genital- und Analregion,
  • Miktionsprotokoll über mindestens 2 Tage
  • Blutuntersuchung
  • Urinsediment / Urinkultur
  • Sonografie des unteren Harntrakts
  • digitale rektale Untersuchung
  • Windeltest (Pad-Test)
Nützliche Untersuchungen zur genauen Bestimmung der Inkontinenzform:


Behandlung

Die Chance, auch eine ausgeprägte Form der Belastungsinkontinenz auf Grund einer Muskel- bzw. Gewebeschwäche zu therapieren, ist mit manuellen Methoden wie Beckenbodentraining bis hin zum chirurgischen Eingriff wie der TVT gut bis sehr gut einzuschätzen. In vielen Fällen ist auch eine Heilung möglich. Liegt dagegen eine Schließmuskelschwäche auf Grund neurogener und organischer Schäden des Sphinkters selbst vor, dann lassen diese sich jedoch nur schwer behandeln. Folgende Behandlungsmöglichkeiten stehen bei Belastungsinkontinenz zur Verfügung:

konservative Behandlung:
operative Behandlung:
  • TVT - „Tension-free Vaginal Tape“
  • Implacement-Therapie
  • Der künstliche Schließmuskel (z. B. AMS800)


Dranginkontinenz (Urge-Inkontinenz) 

Der nicht unterdrückbare imperative Harndrang führt zum Urinverlust, bevor die Toilette erreicht ist. Dies kann verschiedene Ursachen haben:

  • Sensorische Dranginkontinenz: Hier ist die Wahrnehmung der Blasenfüllung im Sinne eines vorzeitigen Füllungsgefühls, etwa durch eine Entzündung, durch Blasensteine oder Obstruktion der ableitenden Harnwege, gestört.
  • Motorische Dranginkontinenz: Hier sind die efferenten Nervenimpulse zum Musculus detrusor (der für die Entleerung zuständigen Harnblasenmuskulatur) enthemmt, was zu einer vorzeitigen, manchmal krampfartigen Detrusor-Kontraktion führt.
  • Giggle-Inkontinenz (Enuresis risoria): Die Giggle-Inkontinenz oder auch Kicher-Inkontinenz genannt, stellt eine Sonderform der Dranginkontinenz dar. Dabei tritt unkontrollierter Urinverlust bei kräftigem Lachen auf, das aber klinisch nur schwer festzustellen ist. Diese doch recht seltene Form der Dranginkontinenz wird überwiegend bei Mädchen beobachtet, bei Jungen oder gar bei Erwachsenen ist diese Inkontinenzform bis jetzt so gut wie nie beobachtet worden. Die Ursache ist ein Defizit der zentralnervösen Hemmung auf den Miktionsreflex.

Die Dranginkontinenz kann Folge von Entzündungen der unteren Harnwege (Harnblase, Harnröhre), von obstruktiven (einengenden) Veränderungen wie z. B. Harnröhrenstrikturen, gut- bzw. bösartigen Prostata-Vergrößerungen oder auch von neurologischen Störungen wie z. B. Demenzerkrankungen sein.

 



Behandlung 

Die Therapie ist teils kausal (siehe oben), also die Ursache beseitigend, teils symptomatisch, lediglich die Beschwerden lindernd.

Medikamente: Anticholinergika Blasen-Instellation Stimulation Operation


Mischinkontinenz

Vor allem bei Frauen treten in einigen Fällen die typischen Symptome von Belastungs- und Dranginkontinenz gemeinsam auf. Die Patienten verlieren dabei unwillkürlich Urin beim Husten, Niesen, Lachen oder Heben von Gegenständen. Dabei leiden sie gleichzeitig unter einem häufigen, kaum unterdrückbaren Harndrang. Meistens ist bei der Mischinkontinenz eine der beiden Formen besonders stark ausgeprägt. In 37 Prozent der Fälle dominiert dabei die Belastungsinkontinenz. Die Mischinkontinenz ist bei Frauen mit 29 Prozent die zweithäufigste Form einer Harninkontinenz. Sie macht sie häufig zu Beginn nur in Form einer Reizblase bemerkbar, bei der nur wenige Tropfen Urin verloren werden.


Überlaufinkontinenz

Die Überlaufinkontinenz (auch: Inkontinenz bei chronischer Retention) entsteht durch eine ständig übervolle Harnblase infolge von Abflussstörungen. Da der Binnendruck schließlich den obstruktiven Verschlussdruck übersteigt, kommt es zum ständigen Harnträufeln.

Ursache der Überlaufinkontinenz ist meist die gutartige Prostatavergrößerung, seltener hochgradige Verengungen (Strikturen) der Harnröhre. Aber auch neurologische Erkrankungen mit einer Erschlaffung des Musculus detrusor, wie sie im Rahmen einer Polyneuropathie bei chronisch schlecht eingestelltem Diabetes mellitus oder als Folge einer lower motor neuron - Läsion (LMNL, siehe bei Reflexinkontinenz) auftreten kann, können zur „Überlaufblase“ führen.

Sehr häufig kommt es im Gefolge einer Überlaufblase zu einem Rückstau des Urins in die Harnleiter und die Nieren mit der Gefahr einer zunehmenden Niereninsuffizienz (Funktionsverlust der Nieren) bis hin zur Urämie (Harnvergiftung).


Behandlung

 

Die Therapie besteht wenn möglich in einer Ursachenbeseitigung (Prostata, Harnröhre), bei irreversiblen Veränderungen durch Einsatz von Dauerkatheter. Die Überlaufinkontinenz bei männlichen Patienten macht häufig eine vorübergehende Ableitung des Urins über einen dünnen Kunststoffschlauch (Katheter) notwendig. Dieser Katheter kann über die Harnröhre oder die Bauchdecke den Urin ableiten. Die sich anschließende Operation der vergrößerten Prostata beseitigt die Ursache des Abflusshindernisses und damit die Überlaufinkontinenz.

Harnsteine, Harnröhrenverengungen, Tumore und angeborene Fehlbildungen müssen ebenfalls operativ behoben werden.


Reflexinkontinenz 

Die Reflexinkontinenz entsteht durch eine Störung oder Zerstörung der vom Gehirn ausgehenden Hemmungsbahnen und damit zu einem Überwiegen der Aktivitätsimpulse des Reflexbogens zwischen Harnblase und Blasenzentrum im Kreuzteil des Rückenmarks (S2 - 4). Diese führen zu reflexartigen Detrusor-Kontraktionen mit Harnabgang.

Ein solcher Zustand tritt beispielsweise etwa nach einer Querschnittslähmung oberhalb des Blasenzentrums aus (UMNL, upper motor neuron lesion). Degenerative zentralnervöse Veränderungen, etwa bei Demenzkranken können den gleichen Effekt zeigen. Bei der LMNL (lower motor neuron lesion) tritt dagegen eine schlaffe, völlig denervierte Blase mit Überlaufinkontinenz auf.


Diagnostik 

Bei der Reflexinkontinenz kommt es aufgrund einer neurologischen Erkrankung, Verletzung oder Nervenschädigung zur Inkontinenz, deshalb setzt die Diagnostik hier auch anders an als bei den restlichen Inkontinenzformen. Der neurologische Status und die Video-Urodynamik sind wichtige Aspekte der Diagnostik einer Reflexinkontinenz. Weitere Diagnostik wie ein Kernspin-Tomogramm oder MRT der unteren Wirbelsäule gehören zum erweiterten Diagnosespektrum.

Ultraschalluntersuchungen werden vor allem zur Verhinderung von Folgeerkrankungen eingesetzt, der Schutz der Nieren steht hier an erster Stelle.


Behandlung

Die Therapie erfolgt vorzugsweise medikamentös. Vorlagen und Windeln finden ebenfalls Einsatz.

Der intermittierende Selbstkatheterismus (ISK)

Der ISK ist eine der besten und komplikationslosesten Blasenentleerungsmöglichkeiten. Leider ist diese Möglichkeit vielen noch nicht bekannt und wird häufig nur bei neurologischen Patienten angewendet, die diese Technik in Kliniken und Rehaeinrichtungen erlernen. Über das Einführen eines dünnen Kunststoffschlauchs durch die Harnröhre in die Blase, kann diese entleert werden. Der Selbstkatheterismus kann in der Regel von Menschen mit Blasenentleerungsstörungen selbstständig durchgeführt werden. Der Vorteil liegt in der Kontinenz, die zwischen den Kathetern meist liegt, und der größeren Unabhängigkeit von Hilfspersonen, weil das Wechseln von Inkontinenzhilfsmittel entfällt oder deutlich weniger nötig ist.

 


Extraurethrale Inkontinenz 

Bei einer extraurethralen Inkontinenz erfolgt der Harnabgang aus Öffnungen, die den normalen Wege des Harntraktes umgehen. Mögliche Ursachen sind ein ektop mündender Harnleiter (Ureter) beim Mädchen meist in Kombination mit einer Doppelnierenanlage. Ist die ektop mündende Nieren-Harnleiter-Einheit mit einer dysplastischen, schlecht funktionierenden Nierenanlage kombiniert, kann die Diagnostik infolge irreführender Symptomatik wie z. B. intermittierender Fluor vaginalis, Trockenphasen bei geringer Flüssigkeitszufuhr oder an heißen Tagen langwierig und schwierig sein. Andererseits kann es sich um Fehlbildungen des Sinus urogenitalis mit Sphinkterbeteiligung bzw. um einen Epispadie-/Exstrophie-Komplex handeln.

Eine extraurethrale Inkontinenz kann sich bei Erwachsenen durch die Bildung von Urinfisteln entwickeln. Sehr häufig sind Frauen betroffen, bei denen sich eine Fistel bildet zwischen den ableitenden Harnwegen und den Geschlechtsorganen. Ursache für die Fistelbildung sind Operationen, Geburten, Bestrahlungen, Verletzungen oder primäre Blasenerkrankungen. Da der Schließmuskel bei der extraurethralen Inkontinenz umgangen wird, geht bei dieser Form der Inkontinenz ständig und gleich bleibend stark Urin über die Fistel ab.


Diagnostik

Für die Diagnostik einer extraurethralen Inkontinenz empfiehlt sich je nach Ursache folgende Vorgehensweise, um aussagefähige Ergebnisse zu bekommen:

Unbedingt notwendige Untersuchungen:
Nützliche Untersuchungen bei Verdacht auf ektop mündendem Harnleiter:
  • Vaginoskopie
  • Miktionszystourethrografie
  • retrograde Pyelografie
  • Computertomographie mit Kontrastmittelgabe
  • MRT Urografie / MRT Angiografie
Nützliche Untersuchungen bei kombinierten Fehlbildungen des Harn- und Darmtraktes:


Behandlung

In den meisten Fällen kann ein chirurgischer Eingriff diese Fehlbildung schon frühzeitig beheben wenn ein funktionstüchtiger Schließmuskel vorhanden ist. Andernfalls muss dieser zusätzlich nachgebildet oder durch ein Implantat ergänzt werden, wobei eine Entleerung damit nur manuell ermöglicht wird. In einigen Fällen kann die Anlage eines Stomas sinnvoll sein, um einer lebenslangen Harninkontinenz vorzubeugen. Eine unkomplizierte und einfache Möglichkeit ohne invasiven Eingriff stellt die Induktionstherapie in Aussicht. Je nach Problemstellung können durch die Versorgung der Beckenbodenmuskulatur und der Stimulation neurologischer Strukturen Erfolge unterschiedlicher Größenordnungen erzielt werden.


Psychologische und soziale Bedeutung der Inkontinenz 

Da die Sauberkeitserziehung einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft hat, führt Inkontinenz häufig zur sozialen Isolation. Zumal viele Inkontinenzkranke aus Scham sogar die Konsultation eines Arztes (Urologe, Gynäkologe) scheuen. Aus diesem Grund muss von einer hohen Dunkelziffer der Inkontinenzbetroffenen ausgegangen werden. Inkontinenz kann für den Verlust von Selbstständigkeit des Betroffenen stehen. Sie verlassen das Haus oft ungern und kapseln sich aus Angst von Freunden und Familie ab. Sie denken, Geruchsbelästigung und feuchte Kleidung passen nicht in die Gesellschaft. Es gibt auch Betroffene, die dies als Alterserscheinung betrachten. Durch Information im Personenkreis ist es möglich, Inkontinenz zu beherrschen und auch die Gefahr einer Exsikkose zu bannen.



Inkontinenzversorgung 

Die Behandlung der Inkontinenz richtet sich nach der diese Symptomatik auslösenden Grunderkrankung. Je nach Ursache kann die Behandlung auf medikamentösen, operativen oder therapeutischen (z. B. Beckenbodentraining bei Frauen) Weg erfolgen. Aber auch ein Toilettentraining zusammen mit geeigneten Inkontinenzhilfsmitteln kann besonders bei älteren Patienten manchmal hilfreich sein.


Toilettentraining

Beim Toilettentraining geht es u. a. darum, den optimalen Zeitpunkt für die Blasenentleerung zu finden. Aber auch das Gefühl für die Blase zurück zu erlangen, ist eine Aufgabe des Toilettentrainings. Es ist eine wirksame Maßnahme, insbesondere bei älteren Menschen, welche die Kontrolle über ihre Ausscheidungen verloren haben. Durch ein konsequent durchgeführtes Toilettentraining stellen sich häufig schon sehr bald Erfolge ein. Das Toilettentraining setzt sich aus den drei Hauptstrategien dem Miktionstraining, dem Blasentraining und dem Verhaltenstraining zusammen. Um das Toilettentraining auch erfolgreich durchführen zu können, ist es wichtig, den Patienten zu motivieren und dem Erfolg eine gewisse Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Das Toilettentraining hat aber nicht viel mit der Sauberkeitserziehung wie sie bei Kleinkindern durchgeführt wird, zu tun. Die Sauberkeitserziehung hat zum Ziel, die Kleinkinder von den Windeln los zu bekommen. Dabei lernt das Kind, seine Blase und seinen Darm bewusst zu kontrollieren und auf den Harn- sowie Stuhldrang entsprechend zu reagieren. Wann die Kinder „sauber“ werden, das hängt von ihrem jeweiligen Entwicklungsstand ab. In der Regel ist aber die Sauberkeitserziehung mit dem fünften Lebensjahr des Kindes abgeschlossen und sie sind zuverlässig trocken.


Inkontinenzhilfsmittel

Bereits während der Diagnostik und Behandlung sollten die betroffenen Personen mit aufsaugenden oder ableitenden Inkontinenzhilfsmitteln versorgt werden, dabei kommt der Auswahl des geeigneten Inkontinenzhilfsmittels eine besondere Bedeutung zu. Besonders Wichtig ist die Versorgung mit passenden Hilfsmitteln bei Patienten, die keine Aussicht auf Besserung oder Heilung ihrer Inkontinenz haben.

Kriterien für die Auswahl der Inkontinenzhilfsmittel:
  • Wie viel Sicherheit soll gegeben werden?
  • Welche Inkontinenzart (Harn- und/oder Stuhlinkontinenz) liegt vor?
  • Welche Menge und welche Beschaffenheit hat die Ausscheidung?
  • Wann tritt die Inkontinenz auf (z. B. nur in der Nacht)?
  • Wie ist die Mobilität des Betroffenen?
  • Ist der Betroffene aufgrund seiner geistigen und körperlichen Verfassung in der Lage, die Inkontinenzversorgung selbst vorzunehmen?
  • Wie ist die Hautbeschaffenheit des Betroffenen?
Anforderungen an die Inkontinenzversorgung:
  • Möglichst dicht gegen Ausscheidungen und Gerüche
  • Geräuscharmes und optisch unauffälliges Hilfsmittel
  • Hautfreundliches Material
  • Ausscheidungen sicher aufnehmen
  • Möglichst die Selbstständigkeit des Betroffenen erhalten (einfache Handhabung)
Aufsaugende Inkontinenzhilfsmittel:
  • Vorlagen
  • Einlagen
  • Tropfenfänger (Penistaschen) für Männer
  • Pants, Pullons, Trainers
  • Windeln (z. B. Höschenwindeln)
Ableitende Inkontinenzhilfsmittel:
Sonstige Inkontinenzhilfsmittel:

Quelle: Wikipedia